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Januar 2012
Das Jahr, als Weihnachten ausfiel
- ein Weihnachtsrundbrief der anderen Art
als Weihnachten ausfiel war es der 25 Dezember…
Ich falle auf die Bank vor meiner Wohnung und bin hundemüde, Schuhe und Hose voll Lehm, durchgeschwitzt, erst mal was trinken, Zitronensaft, es sind mindestens 30°, dazu feucht und schwül, das Gewitter lässt auf sich warten, die Luft ist voll Spannung.
Ich komme von der 8. Weihnachtsmesse in 4 Tagen in 8 weit entfernt voneinander liegenden Dörfern am Flussufer. Ich habe José Miguel, den alten Pfarrer unseres Pastoralteams im Boot begleitet. Mit ihm habe ich an Teilen der traditionellen Weihnachtsfeiern der Naporuna teilgenommen, zu denen Tauf- und Hochzeitsfeiern gehören genauso wie die "moderne" Verteilung der Weihnachtstüten des Kreis-Bürgermeisters an die Kinder und seine "großzügige Schenkung" neuer Boote an die Dorfgemeinden, bezahlt vom Geld der Kreisregierung, das sowieso den Leuten zusteht.
Jetzt werde ich erst mal duschen, dann endlich mal meine Wohnung etwas weihnachtlich herrichten, die Krippe aufstellen, Kaffee machen, Printen aus Aachen essen und deutsche Weihnachtslieder hören… ........
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Dann... .... .....
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Im Hintergrund höre ich ein Kind weinen. "Das gehört bestimmt zu den Schülerinnen von der Fernschule, die trotz Weihnachten eine kurze Besprechung mit ihrem Lehrer haben, damit sie noch dieses Jahr alle Aufgaben machen können, die von ihnen verlangt werden.", denke ich. "Quatsch – die Schülerinnen sind doch schon weggegangen als ich ankam – wer ist denn da noch hinter dem Haus???"
Ich gehe nachsehen, es sind die zwei kleinen Kinder, die wir eben mit dem Boot vom Haus der Großmutter, die in einem entfernten Dorf lebt, hergebracht hatten, damit sie hier nach Hause gehen können, wo ihre große Schwester auf sie wartet. Erst bei dieser Fahrt habe ich sie kennengelernt. Die kleinere, etwa 2-3 Jahre alt, hat Angst und klammert sich verzweifelt an die größere Schwester, etwa 5-6 Jahre alt, beide schmutzig, unversorgt und mit staubigen Tränenspuren auf dem Gesicht. Auch die größere ist verzweifelt, unter Schluchzen und Flüstern verstehe ich ihre Namen nicht, wohl aber, dass die große Schwester nicht da ist, das Haus völlig leer, keiner weiß wo sie ist, die Eltern in einem anderen Dorf, wo wir sie grad gestern als Paten eines Hochzeitspaares getroffen hatten. Die Hochzeit dauert mindestens 3-4 Tage und die Oma, bei der die beiden untergebracht worden waren, hat auch ein Fest organisiert und kann sie anscheinend nicht brauchen…
Was nun? Was tun? Sie haben im Dorf keine anderen Verwandten. Sie müssen wieder zurück zur Oma, dort können sie trotz Fest zumindest bleiben bis Eltern oder Schwester wieder auftauchen. Ich versuche, ein Boot zu organisieren, dass sie mitnimmt. Der Pfarrer muss wieder zum nächsten Dorf in die andere Richtung und ein Boot, das grad jetzt in die richtige Richtung abfährt, nimmt sie nicht mit, weil es angeblich zu voll ist. Mein eigenes kleines Boot liegt auf Land und kann da zurzeit nicht weg. Ich frage die "Stützen der Pfarrei", die Frauen, die im Dorf und in der Kirche für Soziales zuständig sind und alle Nachbarn kennen, ob sie eine Familie wissen, bei der die beiden ein paar Tage bleiben können. Nein - die Familie sei mit vielen zerstritten. Ich verstehe, dass diese Familie im Dorf zu denen gehört, mit denen "man" nichts zu tun haben will. Die zwei sollen doch nach Hause gehen, irgendwann kämen ihre Leute dann schon zurück. Doña Lilian bietet an, sie könnten ja morgen zum Frühstück zu ihr kommen – das ist schon eine Hilfe, von irgendwem haben sie inzwischen eine Tüte mit Weihnachtskeksen bekommen. Ich organisiere was zu trinken und begleite sie zu ihrem Haus. Die kleine weint verzweifelt – hat aber Angst vor mir, so dass ich sie auch nicht trösten kann. Ich gehe nochmals zu den Frauen, um mit ihnen allein zu reden. Keine Chance! Die sollen doch kucken, wo sie bleiben!!! Ich gehe wieder zum Haus und höre von weitem den Fernseher – wenigstens etwas, der wird die Mitmenschen ersetzen müssen – es ist fast Abend – Die kleinere ist vor dem Fernseher schluchzend schon fast eingeschlafen. Ich erkläre der größeren, dass sie morgen früh zum Frühstück zu Lilian gehen sollen und dass ich dann käme, um weiter zu sehen, was wir tun könnten. Jetzt weiß ich auch keine andere Lösung…
Ich gehe nach Hause - Weihnachten fällt aus …
die Weihnachtskinder waren schon da - keine Krippe, keine Musik – nur noch müde – müde vom Wahnsinn!!!
Der Wahnsinn ist nicht die Armut oder das fehlende Boot, die äußere Situation, die wir nicht lösen können. Der Wahnsinn, den ich fühle, ist die Menschenverachtung, die Gleichgültigkeit, mit der die Kinder behandelt werden von den eigenen Eltern, der Schwester, der Oma genauso wie von den "Stützen der Pfarrei".
Inzwischen ist der 26. Dezember, am Morgen gehe ich wieder nachsehen, was die Weihnachtskinder machen. Ja, Lilian hat ihnen zu essen gegeben und von der Limonade von gestern ist auch noch was da. Vor dem Haus sitzt die Tochter des evangelischen Pastors, die auch Schülerin der Fernschule ist und wartet auf ihre Freunde. Ich frage sie, ob sie nicht jemanden weiß, der heute flussauf fährt. Ja, ihr Vater besucht eine andere Gemeinde. Ob der wohl die beiden Weihnachtskinder zurück zur Oma nehmen kann? Ja, klar!!! Und so kommt Hilfe aus unerwarteter Ecke – gerade von denen, die von den "wichtigen" Menschen des Dorfes verachtet werden ---
Als Weihnachten ausfiel
war auch der Tag, an dem Xabico, gerade 17 Jahre alt, nicht nach Hause kam
in unsere kleine Stadt am Flussufer, wie er es seiner Mutter und auch mir gesagt hatte.
Sein Vater hatte ihm vor einem Monat angedroht, ihn zu Tode zu prügeln. Xabico war geflohen, in derselben Nacht hatte er sein Handy verkauft, sich versteckt gehalten und im Morgengrauen mit dem öffentlichen Boot zurück in die große Stadt Coca gefahren. Dorthin hatten seine Eltern ihn als Kind schon geschickt, damit er ein gutes Gymnasium besuchen könnte und "mal was aus ihm wird". Er hatte es nicht geschafft, war gerade dabei, auf die schiefe Bahn zu geraten, als seine Mutter ihn vor einem Monat zurück nach Hause geholt hatte, wo er mit dem Vater auf der Kakaopflanzung arbeiten sollte.
Xabico ist untergetaucht …
Als Weihnachten ausfiel
war auch die Zeit, als ich die Geschichte mit "Oma" erfuhr…
Jemand erzählt mir, wer der Vater meines wenige Monate alten Namensvetters ist, des kleinen Federico. Federicos Mutter ist nicht verheiratet, der Vater sieht den Kleinen nicht an und noch viel weniger bezahlt er für ihn. Er hat gerade besseres zu tun, ist auf Brautschau, seine Mutter hat ihm gesagt, sie möchte eine Schwiegertochter, die noch kein Kind hat und überhaupt sei Federicos Mutter ja viel zu alt für ihren Sohn und auch nicht in der Lage für ihr Kind zu sorgen. Sie möchte, dass Federico bei ihr, der Oma, aufwächst, sie könne das doch wohl viel besser. Ich kenne Federicos Oma, sie ist eine mächtige Frau in ihrem weit entfernten Dorf. Federicos Mutter, die etwa 3-4 Jahre älter als der Vater ist, hat dagegen bereits einen anderen kleinen Sohn und wird von jetzt an mit 2 unehelichen Kindern als Prostituierte angesehen. Sie hatte dem Vater geglaubt und mit diesem ihr Leben teilen wollen. Sie ist auch diejenige, die sich mit 2 kleinen Kindern eine Arbeit besorgt hat im Kindergarten, wo sie die beiden mit hinnimmt. Die hat sie nur bekommen hat, weil sie zugleich eine fleißige Studentin ist, die an der Fernuni Pädagogik studiert, aber das zählt nicht bei "Oma". Die Mutter hat große Angst, "Oma" könnte ihr das Kind abnehmen…
Wenn Weihnachten gefeiert wird
bei den Naporuna, hat dieses Fest viele Elemente einer großen Hochzeitsfeier, wo aus dem Geben und Nehmen von Frau und Mann eine neue Kreatur, neues Leben entsteht.
Die Frauen binden aus alten Lappen eine in Windeln gewickelte Puppe zusammen, das Weihnachtskind. Sie nennen sie Chawcha Wawa. Wörtlich übersetzt ist das, das schwache, zerbrechliche Kind, das sich nicht auf eigenen Füßen halten kann.
Dieses Chawcha Wawa nehmen sie beim großen Weihnachtstanz in ihre Arme und geben es weiter durch die Reihe der tanzenden Frauen und der Männer, die diesen gegenüber tanzen, von Frau zu Mann, zur nächsten Frau, zum nächsten Mann durch die ganze Gemeinde. So wird es von jedem und jeder geschaukelt und geküsst, willkommen geheißen und gestärkt, damit aus dem Chawcha Wawa ein Sinchi Runa, ein starker Mensch wird.
So kann das Weiterreichen also auch geschehen – Stärkung statt Verachtung, Achtung statt Gleichgültigkeit, ansehen statt wegsehen…
Wenn Weihnachten gefeiert wird
auch in Deutschland und der Schweiz, gibt es diese Chawcha Wawas, "Lumpenkinder". Es gibt auch dort die Eltern, Omas und die starken Stützen der Gesellschaft, die doch nur das Beste wollen für die Kinder ohne diese jemals gefragt zu haben und ohne einen Funken Interesse (= dazwischen-sein, drin-sein) am wirklichen Leben und an der Person der Anderen.
Und auch dort gibt es die wenigen Männer und Frauen, die ein "Lumpenkind" stützen, halten und sei es für einen Moment bis ein neuer Weg gefunden wird, damit aus Lumpenkindern starke Menschen werden.
Als Weihnachten stattfand
in Bethlehem, gab und gibt auch eines und viele, die sterben an der Machtgier der anderen, die fliehen müssen, für die es keinen Ort gibt, kein Zuhause…
und da gibt es die, die einen Stern sehen, die plötzlich Stimmen hören – diese Ver-rückten sind es, die das zerbrechliche Kind einen kleinen Augen-Blick fest-halten, damit es ein starker Mensch wird…
Als Weihnachten ausfiel, fiel auch mein Rundbrief aus - - -
der soll hiermit nachgeliefert werden. Er kann euch und Ihnen hoffentlich Hoffnungszeichen sein für 2012 und uns ermutigen, Sterne zu sehen und ihnen zu folgen, wohin sie auch führen…
Ich wünsche jeder und jedem von uns, dass auch wir angesehen, angehört und gehalten werden, wenn wir zerbrechlich sind und uns schwach fühlen…
Auch ich habe gleichzeitig zum Wahnsinn an Weihnachten viele Hoffnungszeichen bekommen… und Sterne gesehen…
Ich möchte allen DANK sagen die mich und diese Welt hier 2011 unterstützt haben mit Briefen, Gesprächen, Besuchen, Geld, Schokolade, Marzipan und, und, und …
Rundbrief download als
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September 2011
Hurra! Geschafft: ABI 2011 für 8 junge Leute
IM SCHWEISSE IHRES ANGESICHTS ABITUR AM RIO NAPO
Auch am Napo hat inzwischen das neue Schuljahr begonnen. Gleich in der ersten Septemberwoche durften einige Abiturienten der Fernschule "Yachana Inti" nochmals die Schulbank drücken zu den Nachprüfungen. Sie haben es geschafft.
Acht junge Leute können sich jetzt weiterbewerben und auf einen bezahlten Arbeitsplatz in der Kreiverwaltung, bei einem Entwicklungsprojekt oder in einer Erdölfirma hoffen. Und was noch weit wichtiger ist, sie können jetzt als legale Vertreter ihres Gemeinschaftslandes gewählt werden. Sie werden die sein, die mit Erdölfirmen, Regierungs- und Entwicklungsexperten über soziale Dienste, Erziehung, Arbeitsplätze und Umweltschutz in ihren Indianerterritorien verhandeln. Da kann man nur gute Nerven und viel Glück wünschen...
September 2011
Spendenaktion_
Die Gruppe Choco Samona-Yuturi ist auf dem Weg, im August wurde die Schokopaste der Öffentlichkeit auf der Ausstellung Expoferia in Coca präsentiert. Zum ersten Mal wurden auch selbstgemachte Schoko-Erdnußriegel verkauft und waren allzubald ausverkauft.
Dann hat uns die Schlange einen Strich durch die Rechnung gemacht – Elsas Sohn wurde von einer Giftschlange gebissen und musste in Quito im Hospital zweimal operiert werden, damit der verletzte rechte Arm nicht steif bleibt.
Damit waren die beiden Organisatoren der Gruppe, Elsa und ihr Mann Bolivar fast drei Wochen mit wichtigeren Dingen befasst...
Und noch immer braucht es viele Schritte durch den Bürokraten-Dschungel, der von Pumas und Schlangenzungen nur so wimmelt..., noch immer ist der Motor geliehen und die Mühle in Reparatur. Die Mühlen der Weltgesundheitsorganisation FAO, die das Projekt ursprünglich bezahlt, dann fallengelassen und jetzt wegen drastischer Kritik wieder aufgenommen hat, mahlen langsamer als den Leuten gut tut.... aber es gibt Hoffnung – Ende des Jahres soll die kleine Fabrik funktionstüchtig sein...
DANK all denen, die uns unterstützt haben!!!
(Foto: Bolivar, Elsa und ihr Sohn Cristian beim Fischen)
Juni 2011 Ein Generator für die Schokoladenproduktion
Spendenaktion_ Seit unserem Besuch in Deutschland im Nov. 2010 wurden Spenden gesammelt, um einen Generator zu kaufen, der der Kakaokooperative in Samona zu mehr Unabhängigkeit verhelfen soll. Unabhängigkeit von der örtlichen Stromversorgung, die nur zeitweise funktioniert, ist notwendig, um die Kakaobohnen noch vor Ort verarbeiten zu können. 50% ist geschafft!
Elsa und ihre Gruppe "Choco Samona Yuturi" haben die erste, in der kleinen Fabrik hergestellte Schokoladenpaste auf den Markt gebracht, Qualität und Geschmack 1A – 100 % Aromakakao - Ecuador. Aber das ABER folgt auf dem Fuß – die Schokolade wurde mit einem geliehenen Stromgenerator hergestellt, eine Walzmaschine ist defekt und muss repariert werden. Vor allem aber müssen die Anerkennungen des Vereins, des Steueramtes und des Gesundheitsamtes weiter verfolgt werden, sehr aufwendige und mühsame Prozesse. Die Freunde aus Aachen und Umgebung haben uns kräftig unterstützt und mit viel Initiative und Engagement die Hälfte der nötigen Summe für den Stromgenerator zusammengebracht. Ein DICKES Dankeschön über den Ozean!!! Mit der Vereinsanerkennung* kann damit dann hoffentlich endlich der erste kleinere Generator gekauft werden. Damit könnten die Maschinen eine nach der anderen benutzt und mit einer kleinen regelmäßigen Produktion begonnen werden.
*Nur mit der Vereinsanerkennung kann man den notwendigen Diesel für den Generator bekommen. Für Privatleute ist Treibstoff extrem rationiert.

UNTERSTÜTZUNG: Wer den 2. Teil des Stromgenerators und den Einstieg in die Schokopastenproduktion in Samona unterstützen will, melde sich bitte bei Thomas Hoogen im Referat Weltkirche, Mail: thomas.hoogen-wk@bistum-aachen.de
- Flyer Spendenaktion
- Rundbrief
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"MEET THE CROCODILE AT NIGHT!"
Alles ist noch dunkel, aber der Urwald schläft nie. Viele Bewohner nutzen gerade die Nachtstunden, um zu jagen und sich des Lebens zu freuen. Auf der anderen Flußseite blitzt plötzlich über den schwarzen Baumwipfeln ein schmaler leuchtend weißer Lichtstreifen auf. In Samona weiß Magdalena Avilés jetzt, dass es gleich 5 Uhr morgens ist und in einer Stunde die Sonne voll am Himmel steht. Sie hat sich verspätet heute. Die Fledermäuse schütteln vor ihrer Nase schon die Flügel aus und verkriechen sich unters Palmblätterdach in ihre Schlafstellen.
Schnell und leise geht Magdalena in die Küche und legt Holz auf die noch warme Feuerstelle. Reis dauert zu lange – heute gibt es zum Frühstück Machacado, kleingedrückte Kochbananen, die vom Vortag übriggeblieben sind, gemischt mit Ei und kleingehackten, wilden Oreganoblättern. Das Ganze warm gemacht und dazu heiße Schokolade aus eigener Herstellung. Das tut gut nach der kühlen regnerischen Nacht. Ihre drei Gymnasiasten Juan, Nelson und Ingrid haben heute Unterricht in der Fernschule. Um 7.30 Uhr müssen sie auf dem Dorfplatz sein und haben noch eine halbe Stunde Fußweg vor sich durch den tropischen Regen, der in der diesjährigen Regenzeit nicht aufzuhören scheint. 
Magdalena ist eine der wenigen Frauen die Schokoladepaste von Hand selber macht. Sie läßt sie hart werden, um sie dann in Coca zu verkaufen oder auch selbst mit ihrer Familie als heiße Schokolade zu genießen. Ich frage sie, wie sie das macht. „Zuerst müssen wir die fermentierten und getrockneten Kakaokerne rösten in der Pfanne auf dem Feuer. Und dann muß die Schale ab solange die Kerne noch heiß sind. Das ist viel Arbeit und man verbrennt sich leicht. Dann werden sie gemahlen mit der Handmühle, 3 – 4 Mal, das ist das Härteste. Da tun mir die Hände weh. Darum habe ich schon eine ganze Zeit keine Schokolade mehr gemacht. Das ist zu hart. Da kömmt das Öl aus den Kernen. Das Ganze wird gemischt mit Milchpulver und Zucker und dann in kleine Pilches gefüllt. (Das sind die harten Schalen einer kürbisähnlichen Frucht die als Eß- und Trinkgefäße genutzt werden.) Das trocknet in 5 – 10 Minuten und wird fest. So kann ich die Pilches aufbewahren, später mit nach Coca nehmen und dort verkaufen für 1 US$ das Stück. Das ist schon viel besser, als wenn ich die Kerne pro Pfund verkaufe. Oder wir raspeln sie hier und mischen sie mit heißem Wasser für die Trinkschokolade zum Frühstück. Aber da brauchen wir natürlich noch mehr Zucker, sonst schmeckt die uns einfach nicht, Schokolade muss süß sein!“ Ich frage Magdalena, ob es in Coca auch Großaufträge gäbe für die Schokoladenpaste, vielleicht sogar für 100 Pilches oder mehr. „Ja, die gibt es, ja, aber wir können das nicht machen. Das Mahlen ist einfach zu hart! Das schaffen wir nicht.“
Und so kommen wir auf die Fabrik zu sprechen. Auf dem Dorfplatz, ganz in der Nähe des Samonabaumes, dem größten und wertvollsten Baum des Waldes, der auch Namensgeber und Wahrzeichen der Gemeinde ist, entsteht sie – auch in Handarbeit. Blockstein für Blockstein wurde in Booten aus der Stadt gebracht und wird mit Holz und Eisen täglich ein Stück weiter gebaut. Hier in Samona entsteht die erste Fabrik für Schokoladenpaste am Unterlauf des Napoflusses. Die Mahlmaschine steht schon unter dem Dach des Fußballfeldes. Sie wird die schwere Handarbeit ersetzen und soll dafür sorgen, dass auch Aufträge von 100 Pilches und mehr angenommen und ausgeführt werden können. Aber dazu braucht es noch viel Hand-, Kopf- und Organisationsarbeit. Alle Gemeindemitglieder als Gruppe sind die Besitzer und Verantwortlichen der Fabrik. Einige Mitglieder werden ausgewählt, dort für Lohn zu arbeiten und der Gewinn soll von allen verwaltet werden. Das erfordert höchste Kunst der Vermittlung in einem oft zerstrittenen Dorf. Außerdem müssen die Kakaobauern der umliegenden Dörfer überzeugt werden, ihren Kakao hier zu verkaufen. Dazu braucht es einen guten Preis und Verkaufsmöglichkeiten.
Aber schon wird der Traum von der eigenen Fabrik Stein für Stein aufeinandergesetzt.
In wenigen Monaten hoffentlich mehr an dieser Stelle und die neusten Fotos von der Schokoladenfabrik in Samona.
Bis dahin Frühstücksschokolade bei Magdalena . . .
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Mai 2010
Computer, Floß und Hitzefrei
Urwaldgymnasium mit Hindernissen 
„Wie bist du denn hierher gekommen?“ frage ich Libardo aus Puerto Quinche (1. v. re.).
Stolz antwortet er: „Mit dem Balsafloß! Das hab ich mir gemacht! Es gab kein Benzin für das Motorboot. Heute morgen um 6 bin ich los und hab mich den Fluß runtertreiben lassen. Sechs Stunden hab ich gebraucht bis Rocafuerte.“ Libardo hat morgen ein Referat über die finanzielle und soziale Krise des Landes zu halten. Das ist Teil seiner Abiprüfung. Das Referat existiert bisher nur in seinem Kopf, das muss heute noch in den Computer und aufs Papier. Libardo hätte längst vorher hierherkommen sollen. Ich hoffe bloß, er erinnert sich an unseren Computerkurs und daran, wie im Computer ein Dokument gespeichert wird …
Unterricht gibt es im Ferngymnasium nur zwei Tage die Woche.

Das wird vielen Schülern/innen in Deutschland phantastisch erscheinen – bestimmt wollen einige schon wechseln. Die Nachteile und Schwierigkeiten lassen jedoch nicht auf sich warten.
Leonardo und Eliberto kommen aus dem Dorf Centro Ocayo. Sie gehen 4 Stunden am Fluß entlang zu Fuß zur Schule, denn in ihrem Dorf gibt es keine Schulgruppe. Sie nehmen im Nachbardorf Puerto Quinche teil und übernachten dort bis zum zweiten Schultag.
Wenn an Napofluss bei 27° im Schatten wegen Hitzefrei die Schule ausfiele, gäbe es hier gar keine Schule! Die normale Tagestemperatur liegt bei 32 – 35° Celsius. Bei weniger als 25° kommen die Schüler/innen mit den langarmigen Sweatshirts zur Schule, die die Regierung irrtümlich als Sportuniform geschickt hat.
Der tropische Platzregen, der jetzt in der Regenzeit jeden Tag für einige Zeit vom Himmel fällt, kracht so laut auf die Wellblechdächer, dass selbst der Tutor sein eigenes Wort nicht mehr versteht. Bei Regen gibt es entweder Pause oder Einzelarbeit im Stillen, für die der Tutor die Aufgaben an die Tafel schreiben muss, denn auch die Aufgabenstellung versteht mündlich keiner mehr.
Wie machen ein Jugendlicher, Sohn eines Kakaobauern oder eine ledige Mutter, Besitzerin von dreißig Kakaobäumen in einem indianischen Dorf, 14 Bootsstunden von der nächsten Stadt entfernt, ihren Weg zum Abitur?
Zuerst einmal macht man die Grundschule, die hier zugleich eine Hauptschule ist. Sie dauert 7 Jahre. Sie findet bei einem Dorflehrer statt, der oft alle Klassen gleichzeitig in einem Raum unterrichtet und nur sehr ungern in dieser abgelegenen Gegend arbeitet. So oft wie möglich besucht er seine Familie in der Stadt und bleibt lange weg. Die Schüler freuen sich über die Freizeit, aber ihr Grundwissen bleibt sehr begrenzt. Die Grundschule ist Pflicht in Ecuador. Eine sechsjährige weiterführende Schule besucht man freiwillig und die Erlaubnis der Eltern zu bekommen, bedeutet, eine Arbeitskraft weniger und einen Geldverbraucher mehr in der Familie zu haben. Gleichzeitig wissen alle, dass ein zukünftiger Arbeitsplatz vom Abitur abhängt und nehmen große Anstrengungen auf sich, um im Urwaldgymnasium aufgenommen zu werden.
Zehn Dörfer im Kreisgebiet haben eine Dorfgruppe gegründet. Dazu brauchen sie mindestens 25 Schüler/innen und manchmal auch die Bereitschaft, den Tutor selbst zu zahlen bis die Schulbehörden alle Formalitäten erledigt hat, was viele Monate dauern kann. Einen Lehrer im üblichen Sinne gibt es im Urwaldgymnasium nicht, denn es ist ja eine Fernschule. Schüler und Schülerinnen verpflichten sich, Zuhause täglich eine bestimmte Zahl von Seiten im Schulbuch zu lesen, zu bearbeiten und die anschließenden Aufgaben zu lösen. Mit dem so vorbereiteten Buch kommen sie zwei Tage pro Woche zur Besprechung mit Gruppe und Tutor/in, um die Aufgaben zu lösen, die sie alleine nicht lösen können. Die Tutoren im Ferngymnasium sind oft Abiturienten derselben Fernschule ohne Studium, die inzwischen ausserdem als Bauern, Dorfchefs, Kreistagsabgeordneter, Projektleiter im Tourismusprojekt, Familienmütter oder Grundschullehrerinnen arbeiten.
Leonardo und Eliberto
sitzen nach dem Abendessen, Kochbananen und Ei, das sie sich selbst auf dem Feuer zubereitet haben, bei Kerzenlicht über ihren Büchern. Das Benzin für den Lichtgenerator in Puerto Quinche ist wieder mal zu Ende und bis es irgendwann mal neues gibt – wird auf Kerze umgeschaltet. Nachschlagen im Lexikon – ebenfalls gestrichen! Das Lexikon ist im Computer der Schulgruppe und auch der braucht Strom. Computer üben – gestrichen!!! Musik hören leider auch – die neusten Lieder von Makano, der Lieblingsgruppe der meisten Schüler/innen haben sie letzte Woche reinkopiert – in den Computer – - -
Diese Woche also: Urwaldgrillen – Nachteulen – Regenfrösche - Kerzenlicht - Bücher - das ätzende Frage- und Antwortspiel in Sozialkunde und Textaufgaben in Mathe - Wurzelziehen – keinen Schimmer - - - da hilft auch die Kerze nicht - - -
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März 2010
Schwarzes Gold - Yana Kuri
- Erdölförderung im Yasuni-Nationalpark
Was wäre, wenn unter Ihrem Narzissenbeet im Vorgarten Erdöl gefunden würde? Wäre das ein Fluch oder Segen? Hier ist es wahr – die Regierung hat entschieden, das Erdöl hier in der Pfarrei abzubauen. In diesen Tagen werden die Leute im Dorf Yana Yaku ( = Schwarzes Wasser, das aus dem Urwaldmoor kommt) den ersten Besuch von der Erdölgesellschaft erhalten. Unter ihrem Dorf und in der Nachbarregion liegt das schwarze Gold des ITT Projektes, das noch in der Kopenhagenkonferenz als international wegweisend für dieses Jahrhundert gepriesen wurde, wenn es gelänge, durch den Verkauf von Verschmutzungsrechten oder Umweltschutzprojekten genügend Geld reinzubringen, so dass auf den Abbau verzichtet werden könnte. Es ist nicht gelungen, denn viele kleine und große Leute in Ecuador, Deutschland und anderen Ländern haben fleißig daran gearbeitet, ihr Umweltimage zu verbessern und gleichzeitig ihren Anteil am Gewinn zu erhöhen.
Jetzt gibt es in der Region kein anderes Thema mehr und die verschiedenen Machtgruppen haben sich längst gesucht und gefunden. Der ecuadorianische Regenwald ist nicht der Niederrhein, aber die oben erzählten Ereignisse finden unter anderen Namen und Gesichtern gerade hier statt und wir leben mitten drin…
Mit zwei großen Unterschieden: Erstens – an Stelle des Narzissenbeetes wächst hier dieser Urwald, der einen Teil des Yasuní Nationalparks bildet. Der ist eine der ganz wenigen Regionen der Erde, in der nie eine Eiszeit stattgefunden hat und wo sich deshalb das Leben ohne Unterbrechung in einer langen Kette entwickeln konnte. Das Ergebnis ist eine sonst unvorstellbare Artenvielfalt. Auf einem Hektar gibt es hier mehr Arten von Lebewesen als in den USA und Kanada insgesamt.
Zweitens – am andern Ende unserer großen Provinz Orellana leben tatsächlich zwei kleine Menschengruppen bisher ohne die sogenannte westliche Zivilisation, die Tagaeri und die Taromenani. Seit mindestens 40 Jahren haben alle ihre Versuche, sich anzunähern und alle Versuche der sogenannten Zivilisierten sich ihnen zu nähern mit Mord geendet. Sowohl Mitglieder ihrer Völker als auch eine Reihe Eindringlinge wurden gewaltsam getötet. Die Erdölfirmen haben sich bis auf 14 km ihrem Land genähert, der Druck wir ständig größer, ihre Überlebenschancen sind minimal – Erdöl scheint wichtiger für die einen und der angebliche Umweltschutz für die anderen. Menschen, die nichts haben als das schwarze Gold (=Yana Kuri) unter ihren Füßen und die einmaligen Insektenarten um sich herum, zählen nicht - - - oder sollte es besser heißen, zahlen nicht??? WAS TUN???
Es gibt zur Zeit nichts, was man tun könnte, um den Wahnsinn zu verhindern, denn nahezu alle Beteiligten sind sich einig – das Öl muss raus – noch dieses Jahr wird gebaut!!!
Was ich tue? – Letzte Woche habe ich hier im Computerraum der Zentrale unserer Fernschule einen Computerkurs für Anfänger gegeben für die Schüler/innen aus Yana Yaku, die größtenteils noch nie einen Computer bedient hatten und erst recht nicht das Internet. In ihrem Dorf gibt es keinen Strom, der den in der Grundschule vorhandenen Computer betreiben könnte. In dieser Gruppe sind fast alle erwachsene Familienmütter und –väter. Zumindest erste Schritte konnten gemacht werden, um einen offiziellen Brief zu schreiben oder auch das Gesetz zum Schutz der Indianergemeinden aus dem Internet zu kopieren. Zusammen mit einem der Pfarrer unserer Pfarrei versuche ich mich und die Leute in verschiedenen betroffenen Dörfern über die Auswirkungen des Erdölabbaus zu informieren, damit sie in den Verhandlungen mit der Erdölgesellschaft und dem Bürgermeisteramt nicht völlig unvorbereitet sind. Vielleicht ist es möglich, doch klarer zu verhandeln, damit nicht nur die neue Hütte am Rand der Bohrtürme dabei rauskommt, der Fernseher und das Handy, damit sie vor allem nicht ihr Land verkaufen, das ihre einzige Überlebenschance ist. Ob das gelingt ist fraglich - - -
Im Weiterbildungskurs für Katecheten, den ich vor zwei Wochen gegeben habe, haben wir die Kar- und Osterwoche vorbereitet. Unter anderem wurde der Ostertext Joh 20 bearbeitet. "Als alles vorbei ist und es keine Hoffnung mehr gibt, sieht Magdalena den Gärtner und erkennt, dass es Jesus ist, den sie längst für tot gehalten hat" - Schon immer hat uns der große Gärtner eingeladen, seinen und unseren Garten Eden zu hüten und zu pflegen - - - Kawsay tyan – so lautet der Ostergruß der Naporuna - Leben gibt es!
... den kompletten Rundbrief finden Sie hier
[pdf]
und die dazugehörigen Fotos in unserem
Fotoalbum
Feb. 2010
Klimakonferenz in Kopenhagen - was geht es uns an?
In diesen Tagen läuft die Klimakonferenz in Kopenhagen. Dort wird die Zone Nuevo Rocafuerte eine wichtige Rolle spielen. Das Projekt trägt den Namen eines Erölfeldes Ishpingo-Tambococha-Tiputini (ITT). Ecuador und einige europäische Länder unter der Federführung Deutschlands wollen vorschlagen, das im Feld ITT vorhandene Erdöl, 20% der nationalen Vorräte, im Boden zu lassen und dafür Entschädigungsleistungen an Ecuador zu zahlen. Es ist ein Prestigeprojekt, das weltweit Aufsehen erregen soll, weil es allen Beteiligten den Heiligenschein der großen Umweltschützer eintragen soll. Das Bild, das in Kopenhagen vom ITT verkauft wird, zeigt jedoch nicht, dass die Industrieländer, statt endlich die Sonnenenergie besser nutzbar zu machen, mehr Öl woanders kaufen werden, wenn das ITT Öl im Boden bleibt. Das in Kopenhagen verkaufte Bild zeigt auch nicht, dass internationale Erdölfirmen zusammen mit Ecuador gleichzeitig in allen umliegenden Erdölfeldern, die ebenfalls zu einem der weltweit wichtigsten Bioreservate, dem Yasuní-Nationalpark, gehören, weiter Erdöl fördern werden. Auch deutsche Politiker/innen und Experten/innen wollen besser nicht sehen, dass neue Erdölleitungen bald mitten durch die Indianerdörfer unserer Zone führen und vom Rand des Naturschutzparks aus das Erdöl aus dem Boden ziehen werden, in dem es doch scheinbar bleiben soll. In der modernen Welt zählt der Schein eben mehr und das zahlt sich aus …
Auch das ist Teil meiner Arbeit – ich versuche mich und andere in Deutschland und Ecuador über das Projekt zu informieren, versuche, es genauer zu verstehen und zu übersetzen, was da mit uns geschieht… und muß doch weiter zusehen, wie der Schein sich auszahlt in Scheinen…
Dez. 2009
Bilder von Schein und Sein
Wir stehen bis zu den Waden im Wasser, rostigem Wasser, in einem großen alten Metallboot, das ausrangiert auf der Sandbank vor der Dorfanlegestelle liegt. In der einen Hand halte ich meine Schuhe, damit die nicht naß werden, über der Schulter den Rucksack, über dem Arm ein weißes T-Shirt und in der anderen Hand die Digitalkamara. Ich muß irgendwie die Hände freibekommen und balanciere mich durch das Boot zur Spitze, wo ich auf einem Brett meine Sachen abstellen kann. Mit Digitalkamera und T-Shirt wate ich wieder zurück ans andere Ende des Bootes, wo Alex auf mich wartet. Das alte Boot ist der einzige Ort, den wir hier in ein Fotostudio verwandeln können, denn eine große grüne Plastikplane, die wir mit einem Stückchen Kordel, das wir am Boden des Bootes finden, an eine Holzstange binden können, gibt uns einen Studio-Hintergrund, fast echt. Alex zieht das weiße T-Shirt über, denn Paßfotos für die Einschreibung zur Fernschule müssen den Vorschriften entsprechen und deshalb die Schuluniform zeigen oder zumindest ein weißes T-Shirt. Wie gut, dass das Foto nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit zeigt. So bleiben Alex Beine im rostigen Wasser und auch die Aufhängung der Plastikplane außen vor. Klick – ein Foto – ich will ein zweites zur Sicherheit und weil grad ein Stück vom Hintergrund verrutscht ist – sssss – Batterie leer. ...
mehr ... 2009 Dez. Rundbrief 3